Weshalb wir Schulabgänger so orientierungslos sind

Zwischen 2012 und 2015 wurde in fast allen Bundesländern die Schulreform G8, die für das Abitur nach dem 12. Schuljahr steht, an den Gymnasien umgesetzt. Die Folgen? Die gleichen Lerninhalte werden in kürzerer Zeit gelehrt. Der Leistungsdruck auf die Schüler nimmt zu. Und vor allem: Wichtige Zeit für die berufliche Orientierung geht verloren.

Mit dem Abitur steht uns das Tor zur Arbeitswelt offen und das besser als mit jedem anderen Schulabschluss. Doch statt in die Arbeitswelt zog es mich, wie viele andere Abiturienten, erst einmal raus in die „richtige Welt“. Nach zwölf Jahren pauken entsprach eine 40-Stunden-Arbeitswoche oder der Gedanke daran, gleich im Studium die nächsten Bücher zu wälzen, nicht meiner Idealvorstellung. Erst einmal reisen, solange ich noch jung und ungebunden bin, erschien mir da die bessere Wahl. Für mich hat sich das angefühlt wie einmal tief durchatmen und den Kopf frei kriegen, um danach bewusst die Entscheidung treffen zu können, welchen beruflichen Weg ich einschlagen möchte.

Doch nicht jeder hat die finanziellen Mittel dazu und nicht jeden reizt der Gedanke des Reisens. Wenn nicht mit Reisen, kann ich die Zeit auch anders überbrücken? Wie finde ich heraus, was zu mir passt, und wann muss ich mich überhaupt entscheiden, welchen beruflichen Weg ich gehen möchte?

Anica Schmidt eine Auszubildende der Mobil Krankenkasse und Autorin dieses Artikels
Anica Schmidt (21) absolviert derzeit das duale Studium im Gesundheits- und Sozialmanagement bei der Mobil Krankenkasse. Als Gastautorin schreibt sie in diesem Artikel über die Möglichkeiten, die man nach dem Schulabschluss hat, und was ihr selbst in dem Entscheidungsprozess geholfen hat.

Die Entscheidung – wie und wo fange ich an?

Grundsätzlich können Schulfächer eine erste Orientierung sein, um herauszufinden, was mir liegt. Aber nur, weil ich gute Noten in Mathe habe, heißt das noch lange nicht, dass ich auch Mathematik studieren und erst recht nicht, dass ich überhaupt studieren muss.

Wirft man online einen Blick in die Übersicht der Studienfächer und Berufsausbildungen, ist das auch keine große Hilfe. Genaue Vorstellungen bekommt man dadurch nicht.

Eine so große Auswahl führt bei den meisten wohl eher zu Verunsicherungen. Ein Tag der offenen Tür an einer Hochschule kann hier eine gute Hilfe sein, um sich erste Einblicke in die Studienfächer zu verschaffen und überhaupt eine Vorstellung davon zu bekommen, wie ein Studienalltag aussehen könnte.

Weiter sind Berufs- und Studienmessen eine gute Möglichkeit, sich erste Eindrücke von potenziellen Arbeitgebern und (Fach-)Hochschulen zu verschaffen.

Wann sollte ich mich entschieden haben?

Wenn Du am Ende der Schulzeit noch nicht weißt, welcher Beruf zu Dir passt, ist das kein Weltuntergang. Die gesamte Schulzeit über wurde uns der Großteil unserer Entscheidungen abgenommen und plötzlich dürfen wir alles allein entscheiden? Mich wundert es nicht, dass viele damit erst einmal überfordert sind und sich in der Auswahl an Studiengängen und Ausbildungsmöglichkeiten verloren fühlen.

Ganz allein fühlen musst Du Dich mit dieser Entscheidung aber nicht: Gespräche mit Freunden und Familie können dabei helfen herauszufinden, was zu Dir passt. Dir sollte dennoch bewusst sein, dass niemand außer Dir selbst weiß, was das Richtige für Dich ist. Versuche Dich dabei nicht unter Druck zu setzen und rede mit Deinen Eltern offen darüber, wenn Du das Gefühl hast, noch nicht bereit für diese Entscheidung zu sein.

Keine Angst vor Fehl­entscheidungen

Du musst Dir nicht immer 100-prozentig sicher sein, dass etwas zu Dir passt, um damit anzufangen. Ob etwas wirklich das Richtige für Dich ist, kannst Du erst wissen, wenn Du es ausprobiert hast.

Egal wofür Du Dich entscheidest: Ausbildung, Studium oder Jobben – alles hat seine Vor- und Nachteile und es wird immer Tage geben, an denen Du mal mehr und mal weniger Spaß an Deinem Beruf oder Studium hast. Schleicht sich dennoch das Gefühl ein, dass Du die falsche Entscheidung getroffen hast, ist das kein Grund zur Panik.

Durch meine Ausbildung habe ich viele verschiedene Menschen kennengelernt, deren berufliche Werdegänge so individuell sind wie die Personen selbst. Sie haben mir gezeigt, dass es nicht den einen richtigen Fahrplan gibt und dass Entscheidungen, die man heute trifft, keine für die Ewigkeit sein müssen. Durch den schnellen Wandel in unserer Arbeitswelt sind Weiterbildungen und Umschulungen keine Seltenheit mehr und werden zum Teil sogar von Arbeitgebern gewünscht oder auch gefördert.

Das Gap Year zur Selbstfindung

Hast Du Dir schon etliche Male den Kopf zerbrochen und bist mit der Entscheidung doch nicht weitergekommen, dann kann ein „Gap Year“ womöglich helfen. In dem Gap Year überbrückst Du die Zeit bis zum Start in Deinen eigentlichen Wunschberuf – das kann auch kürzer oder länger als ein Jahr sein – z. B. mit Praktika, einem Freiwilligendienst oder Jobben. Die Vorteile sind, dass Du einen Einblick in verschiedene Berufsfelder bekommst, lernst, was es bedeutet, einen Arbeitsalltag zu haben, und gleichzeitig dabei noch Geld verdienen kannst. Bei einem Freiwilligendienst kannst Du diese Vorteile dazu noch mit einem guten Zweck verbinden. Klingt interessant? Damit Du sicher einen Platz erhältst, solltest Du Dich frühestmöglich bewerben.

Für alle, die nach dem Schulabschluss ins Ausland möchten, aber denen vielleicht das nötige Kleingeld fehlt, bieten sich Freiwilligendienste im Ausland, Au-pair-Tätigkeiten oder bezahlte Praktika an. Für diejenigen, die es etwas spontaner und ungebundener mögen, ist Work-and-Travel eine Möglichkeit, Reisen und Arbeiten miteinander zu verbinden. Während meines Auslandsaufenthalts als Au-pair in Seattle konnte ich zum Beispiel Selbstvertrauen gewinnen und meine Sprachkenntnisse erweitern – Dinge, die durchaus hilfreich bei der Berufswahl sein können.

Ausbildung oder Studium?

Neigt sich das Gap Year dem Ende zu oder möchtest Du nach der Schule gleich durchstarten, stellt sich Dir womöglich die Frage: Ausbildung oder Studium? Eine Frage, die nicht so leicht zu beantworten ist. Denn beides hat seine Vor- und Nachteile und nicht jeder ist für beides gleichermaßen geschaffen.

Das schwierige Image der Berufsausbildung

„Wieso willst Du eine Ausbildung machen? Du hast doch Abitur!“ – Sätze wie diese zeigen, dass die Berufsausbildung von vielen stigmatisiert wird und mit Vorurteilen belastet ist. Für andere ist sie wiederum etwas, das Hand und Fuß hat – und das zu Recht: Eine Berufsausbildung ist eine gute Möglichkeit, praktisch zu lernen und erste Erfahrungen in der Arbeitswelt zu sammeln.

Entscheidest Du Dich für eine Ausbildung, solltest Du Dir nicht nur Gedanken darüber machen, welche zu Dir passt, sondern auch, ob ein Großbetrieb mit festen Strukturen oder vielleicht ein kleinerer (Familien-)Betrieb die richtige Wahl für Dich ist.

Aber wie so ziemlich alles hat auch eine Ausbildung nicht nur Vorteile. Ob Du der passende Auszubildende für einen Betrieb bist, entscheiden nicht nur deine Zeugnisnoten. Einstellungstests, Assessment-Center und Bewerbungsgespräche – im Vergleich zu einem Studium können die Bewerbungsverfahren sehr zeitintensiv und auch nervenaufreibend sein. Außerdem sollte Dir auch bewusst sein, dass eine Ausbildung bedeutet, sich in feste Strukturen einzufügen. Das können z. B. feste Arbeitszeiten, das Betriebsklima und Weisungen durch Vorgesetzte sein. Generell hast Du durch die festgelegten Ausbildungspläne nur eine geringe Einflussmöglichkeit auf die Gestaltung Deines Ausbildungsalltags.

Und wenn die drei Jahre Ausbildung vorbei sind?

Dann bist Du meist schon ein eingearbeiteter Mitarbeiter und hast gute Chancen, von Deinem Ausbildungsbetrieb übernommen zu werden. Mit der abgeschlossenen Ausbildung und Deinen praktischen Kenntnissen hast Du aber auch gute Chancen in anderen Betrieben.

Möchtest Du nach Deiner Ausbildung noch studieren, können Dir Deine Vorkenntnisse und Praxiserfahrungen eine große Hilfe sein.

Studieren – das Tor zur Arbeitswelt?

Im Vergleich zu einer Ausbildung hast Du in vielen Studiengängen z. B. durch die Wahl von Schwerpunkten mehr individuelle Gestaltungsmöglichkeiten. Oftmals kannst Du Dir Deine Stundenpläne selbst zusammenstellen und nicht bei jeder Vorlesung herrscht Anwesenheitspflicht. Dadurch bist Du zeitlich flexibler, lernst Dich selbst zu organisieren und auch zu motivieren.

Fehlt es jedoch an dieser Motivation, kann ein Studium schnell zur Belastung werden. Lerngruppen bilden und sich immer wieder eigene kleine Ziele setzen kann Dir hier zu einer Struktur verhelfen, um das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Was die Jobsuche nach dem Studium angeht, so ist als Erstes zu sagen, dass die Gehaltschancen meist höher als nach einer Ausbildung sind. Allerdings sollte Dir bewusst sein, dass Universitäten Wissenschaften lehren und keine Berufe. Deshalb solltest Du auch Orientierungsphasen und Praxiserfahrung z. B. mithilfe von Praktika in dein Studium integrieren.

Arbeiten und Studieren – das duale Studium

Ein duales Studium ist ein Hochschulstudium, das sich mit Praxisphasen in einem Betrieb abwechselt oder parallel zu einer Berufsausbildung verläuft. Möchtest Du schon während Deines Studiums möglichst viel Praxiserfahrung sammeln und magst Du einen geregelten Alltag, dann könnte ein duales Studium das Richtige für Dich sein. Wie auch bei einer Ausbildung solltest Du Dir vor Beginn des Studiums Gedanken über die Betriebswahl machen. Ob Dir nur die Kosten für die Hochschule oder auch ein monatliches Gehalt gezahlt werden, ist von Betrieb zu Betrieb individuell geregelt. Neben den finanziellen Faktoren solltest Du Dir überlegen, wie viel Verantwortung Du im Betrieb übernehmen möchtest. Dabei geht es um die Aufgaben, die Du zu erledigen hast, aber auch um eine eventuelle Verpflichtung, nach dem Abschluss weiter in dem Betrieb zu arbeiten.  

Für mich ist die Arbeit im Betrieb sowohl Anstrengung und Verpflichtung als auch eine große Chance und Motivation. Durch sie erhalte ich einen praktischen Bezug zu dem, was ich in der Berufs- und Hochschule theoretisch erlerne. Dadurch entsteht für mich eine Sinnhaftigkeit, die mich beim Lernen motiviert.

Die Entscheidung als Prozess akzeptieren

Meinen Plan, welchen beruflichen Werdegang ich einschlagen möchte, habe ich während meiner Schulzeit und auch in dem Jahr danach noch einige Male geändert. Jeder entwickelt sich in einem anderen Tempo und braucht für diese Entscheidung deshalb auch mehr oder weniger Zeit. Ich habe mir dabei selbst keinen Druck gemacht und mich auch nicht von anderen unter Druck setzen lassen. Weißt Du nach der Schule noch nicht, was Du machen möchtest, gibt es immer etwas, dass Du auch kurzfristig tun kannst, um die Zeit bis dahin sinnvoll zu überbrücken. Mein Gap Year hat mir in diesem Entscheidungsprozess durchaus geholfen, indem es mir Zeit gegeben hat, druckbefreit darüber nachzudenken, wonach ich mich eigentlich sehne. Was interessiert mich und worin bin ich gut? Möchte ich einen strukturierten Tagesablauf oder sind mir Freiheiten und Mitgestaltungsmöglichkeiten in meinem Alltag wichtiger? – Diese Fragen habe ich mir gestellt und vielleicht können sie auch Dir in deinem Entscheidungsprozess helfen.

Mit Beginn meines dualen Studiums wurde mir bewusst, dass sich unsere Arbeitswelt in einem stetigen Wandel befindet, der erfordert, dass wir uns beruflich und auch persönlich weiterentwickeln müssen. Das hat mir ganz klar vor Augen geführt: Die erste Entscheidung, die wir nach unserem Schulabschluss treffen, kann uns zwar eine Richtung weisen, muss aber deshalb noch lange nicht den gesamten Weg vorgeben.

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    Aktualisiert am

    Autor: Mobil Krankenkasse

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