Sportsucht: Wenn Bewegung ungesunde Züge annimmt
Sport stärkt Körper und Seele, hilft beim Stressabbau und unterstützt das Wohlbefinden. Umso überraschender wirkt die Vorstellung, dass zu viel Sport ungesund sein kann.
Regelmäßiger Sport gehört zu einem gesunden Lebensstil. Wird Bewegung jedoch zum Muss und bestimmt den Alltag, spricht man mitunter von Sportsucht. Woran lässt sie sich erkennen? Und wie bleibt das Training im Gleichgewicht?
Was steckt hinter dem Begriff Sportsucht?
Verliert Sport seinen positiven Charakter, fällt oft der Begriff Sportsucht. Um eine offiziell anerkannte Sucht handelt es sich dabei nicht – der Begriff beschreibt jedoch gut, was Betroffene erleben: ein suchtähnliches Muster zwanghaft übermäßiger Bewegung, das den Alltag zunehmend belastet. Ein Blick auf die typischen Merkmale kann helfen, Warnsignale frühzeitig zu erkennen.
Woran kann man Sportsucht erkennen?
Kippt die Balance zwischen Training und Erholung, verliert Sport seine entlastende Wirkung. Entscheidend ist dabei weniger die Trainingsdauer als die Rolle, die Sport im Alltag einnimmt. Hinweise auf ein solches Ungleichgewicht sind:
- Verlust der Kontrolle über Trainingsmenge oder -intensität
- Vorrang des Sports vor Familie, Freunden, Arbeit oder Studium
- Fortsetzung des Trainings trotz körperlicher Beschwerden oder Verletzungen
- Unruhe, Gereiztheit oder Schuldgefühle beim Ausfall des Trainings
- Gefühl, ohne Sport nicht „richtig funktionieren“ zu können
Diese Anzeichen ähneln Mustern, die auch bei anderen sogenannten Verhaltenssüchten auftreten – also Formen von Abhängigkeit, bei denen es nicht um Substanzen wie Alkohol oder Nikotin geht, sondern um ein schwer kontrollierbares Verhalten.
Was kann die Entwicklung von Sportsucht begünstigen?
Sportsucht entsteht selten isoliert. Die derzeitige Forschung deutet darauf hin, dass sie häufig mit anderen Belastungen verknüpft ist.¹ Dazu gehören etwa ein ausgeprägter Perfektionismus, ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle oder eine kritische Haltung gegenüber dem eigenen Körper. Auffällig ist auch, dass bestimmte Sportarten und Trainingsumfelder das Risiko erhöhen können – besonders solche, bei denen Ausdauer, Leistung oder das Körpergewicht eine große Rolle spielen. Dort kann es schnell normal werden, immer häufiger oder länger zu trainieren, sodass Warnsignale leicht übersehen werden.
Wenn Sport zur Belastung wird
Ein übermäßig striktes oder zwanghaftes Trainingsverhalten kann sich in verschiedenen Bereichen bemerkbar machen. Dazu zählen zum Beispiel:
- Körperliche Belastungen: Bekommt der Körper kaum noch Erholung, können Schmerzen, wiederkehrende Verletzungen oder ein tiefes Erschöpfungsgefühl auftreten.
- Verlust der Freude an Bewegung: Sport fühlt sich nicht mehr wohltuend an, sondern zunehmend belastend und verpflichtend.
- Psychischer Druck: Statt Entspannung zeigen sich innere Unruhe, Gereiztheit und das Gefühl, ständig „funktionieren“ zu müssen.
- Beeinträchtigungen im Alltag: Fließt viel Energie in das Training, können Konzentration, Ausgeglichenheit und Leistungsfähigkeit im Beruf oder Studium nachlassen.
- Rückzug aus dem sozialen Leben: Treffen und gemeinsame Aktivitäten werden seltener, weil Training Vorrang hat – darunter leiden Beziehungen und das familiäre Umfeld.
Sechs Tipps für einen ausgewogenen Umgang mit Sport
Damit das Training weiterhin gesund bleibt und nicht zum Problem wird, können folgende Alltagsschritte helfen:
- Legen Sie klar fest, wann Sie trainieren – und planen Sie bewusst Erholungsphasen ein.
- Achten Sie auf Warnsignale Ihres Körpers: Schmerzen, ständige Müdigkeit oder Reizbarkeit können Hinweise sein, eine Pause einzulegen.
- Setzen Sie auf einen Mix aus Ausdauer-, Kraft- und Beweglichkeitstraining und geben Sie dem Körper genügend Zeit zur Regeneration.
- Nutzen Sie Sport nicht als einziges Mittel, um Stress oder unangenehme Gefühle zu bewältigen. Schaffen Sie auch Raum für andere Aktivitäten, die Ihnen guttun.
- Reflektieren Sie Ihre Motive: Warum trainiere ich? Ist es Spaß, Gesundheit oder eher das Gefühl, etwas „gutmachen“ zu müssen?
- Sprechen Sie mit vertrauten Menschen oder Fachleuten, wenn Sie merken, dass Sport zunehmend zur Pflicht wird, statt Freude zu bereiten.