Pornosucht: Wenn der Konsum von Pornos krankhaft wird

Wenn Pornos den Alltag bestimmen, braucht es Hilfe. Doch ab wann wird Pornokonsum zur ernsthaften Belastung?

 

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Pornografie ist heute leichter zugänglich denn je. Mit nur wenigen Klicks kann sich jeder kostenlos Zugang zu zahllosen Videos verschaffen, auch Minderjährige. Dabei kann Pornografiekonsum schnell gefährlich werden und zu einer krankhaften Abhängigkeit führen.

Diagnose: Pornosucht

Seit 2019 wird die Pornografie-Nutzungsstörung (PNS) offiziell als psychische Erkrankung anerkannt. Spezialisierte Behandlungskonzepte sind bisher noch rar. Dabei sind schätzungsweise über 1 Million Menschen in Deutschland betroffen, und die Symptome können gravierende Auswirkungen auf das Leben von Betroffenen haben.¹ Wir klären auf, was eine PNS ist, wie man ihr vorbeugen kann und welche Möglichkeiten Betroffene haben.

Pornos völlig normal oder doch nicht?

Pornografie ist mittlerweile Teil des gesellschaftlichen Lebens. Die Merkmale pornografischer Inhalte begegnen uns oft im Alltag, häufig auch unbewusst: in Filmen, Werbung, sozialen Medien oder durch Schönheitstrends und Kleidung. Der einfache Zugang macht es möglich, dass Menschen jeder Altersgruppe mit Pornografie in Berührung kommen.

Besonders für junge Menschen kann Pornografie ein hohes Risiko für ihre psychische Gesundheit darstellen. Partnerinnen und Partner werden häufig als reine Sexobjekte dargestellt und viele Jugendliche bekommen den Eindruck, dass Pornografie reales Sexualverhalten widerspiegelt. Das kann zu einem verzerrten Selbst- und Körperbild führen und eigene Wünsche geraten in den Hintergrund. Gleichzeitig entsteht Druck, anderen gefallen zu müssen. Auch in Beziehungen besteht die Gefahr, „performen“ zu müssen, statt die eigene Lust und Sexualität authentisch zu erkunden. Außerdem sollte Konsumierenden bewusst sein, dass die Herstellung vieler pornografischer Inhalte mit realer Gewalt und Unterdrückung verbunden sein kann.

Eine Studie von EU Kids Online aus dem Jahr 2019 zeigt, dass 42 % der 12- bis 14-Jährigen und 65 % der 15- bis 17-Jährigen in Deutschland bereits mit sexuellen Inhalten bei der Nutzung digitaler Medien Kontakt hatten. Jungs waren dabei häufiger betroffen als Mädchen. Mädchen geben oft an, zufällig und unfreiwillig mit solchen Inhalten konfrontiert worden zu sein, während Jungen tendenziell freiwillig und gemeinsam mit Freunden damit in Berührung kommen und regelmäßig konsumieren.²

Was ist die Pornografie-Nutzungsstörung (PNS)?

Die Pornografie-Nutzungsstörung (PNS) gehört zu den Verhaltenssüchten und ist mittlerweile offiziell als Krankheit gelistet. Sie wird als zwanghaftes Sexualverhalten den Impulskontrollstörungen zugeordnet. Betroffene zeigen eine starke Sucht nach einem bestimmten Verhalten oder Gefühl, das durch den Konsum entsteht. Entscheidend für eine Diagnose ist der Kontrollverlust, denn nicht jeder Pornokonsum ist automatisch krankhaft. Internationale Studien legen nahe, dass etwa 4 % der Männer und knapp 1 % der Frauen von einer PNS betroffen sind.³

Welche Symptome treten auf?

Die Symptome und Auswirkungen einer PNS können vielfältig sein. Häufig beschreiben Betroffene diese Symptome:

  • soziale Isolation
  • Konflikte in der Partnerschaft und/oder Familie
  • Vernachlässigung von Hobbys, sozialen Kontakten und Verpflichtungen
  • Schlafprobleme durch stundenlangen nächtlichen Konsum
  • finanzielle Probleme bis zur Verschuldung durch Bezahlinhalte
  • Abstumpfung gegenüber sexueller Stimulation
  • Orgasmusverzögerung
  • sinkendes Interesse an Sex in der Partnerschaft
  • Erektionsstörung
  • Fortsetzung des Konsums trotz negativer Konsequenzen

Eine PNS geht oft mit anderen Süchten oder psychischen Erkrankungen wie Depressionen einher. Die Häufigkeit oder Dauer des Konsums spielt für eine problematische Nutzung eine untergeordnete Rolle, der Leidensdruck ist ausschlaggebend. Betroffene können abstumpfen und benötigen häufig härtere oder sogar illegale Inhalte, wie Gewaltvideos oder kinderpornografische Inhalte. Dadurch wird die Herstellung solcher Inhalte befeuert und es entsteht eine ernsthafte Gefährdung von Menschen in der Welt außerhalb des Internets.

Wodurch entwickelt sich eine PNS?

Die Entwicklung ist sehr individuell und beruht auf einem komplexen Zusammenspiel aus persönlichen Erfahrungen und psychischen Faktoren. Erfahrungen mit Sexualität, Belohnungsmechanismen von Masturbation und Orgasmen können einen häufigeren Konsum fördern, um das Belohnungsgefühl immer wieder zu erleben. Besonders Stress, ob beruflicher oder privater Natur, sowie Einsamkeit und Schwierigkeiten, die eigenen Emotionen zu regulieren, erhöhen das Risiko zusätzlich.

Was macht die ständige Belohnung durch Pornografie mit dem Gehirn?

Studien zeigen, dass häufiger Konsum mit strukturellen Veränderungen im Belohnungssystem des Gehirns einhergehen kann: Das Volumen des Belohnungssystems kann abnehmen. Betroffene mit einem regelmäßigen und häufigen Konsum zeigen mitunter eine geringere Belohnungsaktivität im Gehirn bei visuellen sexuellen Reizen. Deshalb werden immer stärkere Anreize notwendig, um dasselbe Belohnungsgefühl auszulösen.⁴

Wie kann man einer PNS vorbeugen?

Präventiv kann vor allem Aufklärung helfen, insbesondere bei Jugendlichen. Vermutet wird: Je früher die ersten Berührungen mit Pornografie erfolgen, desto höher ist das Risiko, eine PNS zu entwickeln.

Wichtig ist auch, den eigenen Konsum kritisch zu hinterfragen: Wozu konsumiere ich gerade? Bei Stress können andere Methoden zum Stressabbau hilfreich sein, wie z. B. sportliche Aktivität, Austausch mit Freunden und Familie, Meditationsübungen oder ein Spaziergang an der frischen Luft. Es lohnt sich auszuprobieren, ob die Lust und das Entdecken der eigenen Sexualität auch ohne Pornografie erfüllender sein können.

Sie haben das Gefühl, an einer PNS zu leiden?

Zur Behandlung von Süchten können Psychotherapien helfen, doch es gibt bislang nur wenige spezialisierte Therapeutinnen und Therapeuten für die Behandlung einer PNS. Erste Anlaufstellen können Ihre Hausärztin bzw. Ihr Hausarzt oder allgemeine Beratungsangebote sein:

  • Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen
  • Fachverbände Medienabhängigkeit
  • Beratungsstellen der pro familia (Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e. V.)
  • (anonyme) Selbsthilfegruppen regional oder online

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Autor: Mobil Krankenkasse