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Unbekannte Welten®: Schulprojekt erhält Hamburger Stiftungspreis 2025
Das 14-wöchige Präventionsprogramm zielt darauf ab, die Resilienz und die persönlichen Ressourcen von Kindern der fünften bis siebten Klassen zu stärken.
Zwei pädagogische Fachkräfte begleiten die Klassen durch 56 Unterrichtseinheiten. Im Mittelpunkt steht ein eigens entwickeltes Arbeitsbuch mit Modulen zu den Themen Identität, Gefühle, soziale Netzwerke, Biografiearbeit, Fantasie und persönliche Stärken. Eine Evaluation des Pilotprojekts zeigt deutliche positive Effekte, unter anderem bei Selbstwirksamkeit, Empathie und Selbstkontrolle. Für diesen Ansatz wurde Unbekannte Welten® am 7. Oktober 2025 mit dem Hamburger Stiftungspreis ausgezeichnet.
Die Pilotphase im Schuljahr 2024/2025 wurde von der Mobil Krankenkasse finanziell gefördert und auch für das aktuelle sowie das kommende Schuljahr konnten wir bereits eine Unterstützung zusichern. Im Interview spricht die Projektentwicklerin und Teamleiterin Jana Körner darüber, wie Unbekannte Welten® entstanden ist, wie es Kindern konkret helfen kann und wie das Projekt im nächsten Schritt durch Multiplikatorenschulungen weiterverbreitet werden soll.
Mobil Krankenkasse: Sie haben Unbekannte Welten® im Rahmen Ihres Psychologiestudiums entwickelt. Was war der Ausgangspunkt dafür? Gab es einen konkreten Anlass oder ein Erlebnis, das Sie auf diese Idee gebracht hat?
Jana Körner: Der Ursprung von Unbekannte Welten® liegt tatsächlich schon einige Jahre zurück, noch vor meinem Psychologiestudium. 2017 habe ich in der stationären Jugendhilfe gearbeitet. Dort habe ich immer wieder erlebt, wie junge Menschen in belastenden Situationen sehr formal mit ihren Gefühlen umgehen sollten. Wenn sich ein Kind selbst verletzt hatte, musste es im Anschluss einen umfangreichen Selbstreflexionsbogen ausfüllen, mit vielen Fachbegriffen, Fragen zu Auslösern, Emotionen, Flashbacks. Fachlich war das sinnvoll gedacht. Aber ich habe gemerkt: Viele Kinder konnten diese Sprache nicht für sich nutzen. Gleichzeitig konnte ich beobachten, wie differenziert sie sich ausdrücken konnten, über Bilder, Symbole, Emojis, kreative Formen. Da entstand bei mir die Frage: Warum sprechen wir mit Kindern oft in einer Sprache, die nicht ihre ist?
Ich begann erste Methoden, die ich während meiner Weiterbildung zur Systemischen Beraterin erlernte, zu erproben und weiterzuentwickeln. Damals noch sehr verspielt, mit viel Glitzer und Einhörnern. Ein kreativer Vorläufer dessen, was später das Buch wurde. Im Rahmen meines Psychologiestudiums habe ich diesen Ansatz dann wissenschaftlich fundiert weiterentwickelt. Die Auseinandersetzung mit Resilienz, Positiver Psychologie und systemischer Arbeit war für mich der Anlass, das Buch konzeptionell zu schärfen, zu strukturieren und in der Praxis zu erproben. Aus dieser Verbindung von Praxisbeobachtung und wissenschaftlicher Fundierung ist schließlich das heutige Präventionsprojekt entstanden. Dass ich das Konzept dann gemeinsam mit der Alida Schmidt-Stiftung in die Praxis bringen konnte, in einem Haus, das Kinder- und Jugendhilfe seit Jahrzehnten lebt, war für mich ein echter Glücksfall. Die Stiftung hat dem Projekt den Rahmen gegeben, in dem es wachsen konnte.
Mobil Krankenkasse: Die Evaluation des Pilotprojekts zeigt unter anderem signifikante Verbesserungen bei der Selbstwirksamkeit, der Empathie und der Selbstkontrolle. Welche Ergebnisse haben Sie persönlich am meisten beeindruckt und welche Veränderungen berichten Lehrkräfte und Kinder im Alltag am häufigsten?
Jana Körner: Mich hat besonders beeindruckt, wie deutlich sich das Thema Selbstwirksamkeit entwickelt hat. Für mich ist das einer der zentralsten Schutzfaktoren überhaupt. Selbstwirksamkeit bedeutet: Wenn ich mir etwas vornehme, kann ich es schaffen. Wenn ich ein Ziel habe, finde ich Wege dorthin. Mit meinen Fähigkeiten kann ich etwas bewirken. In der Evaluation haben die Kinder genau diese innere Haltung nach dem Projekt stärker bejaht. Und das verändert viel. Kinder, die sich als handlungsfähig erleben, reagieren weniger hilflos und übernehmen mehr Verantwortung für ihr eigenes Handeln.
Besonders berührt hat mich die Rückmeldung eines Schülers: „Jeder Mensch ist besonders.“ Diese Aussage wirkt auf den ersten Blick schlicht, aber sie zeigt Empathie, Wertschätzung und eine veränderte Haltung gegenüber sich selbst und anderen. Auch Lehrkräfte berichten, dass sie manche Kinder ganz neu erleben konnten, freier, offener, reflektierter. Vor allem diejenigen, die sonst eher schüchtern oder zurückhaltend sind, haben sich sichtbar eingebracht. Die statistischen Ergebnisse sind wichtig. Aber solche Sätze zeigen, was in Bewegung kommt.
Mobil Krankenkasse: Sie betonen, dass es nicht um Leistung oder Verhalten, sondern um Selbsterleben und Gespräche über persönliche Themen geht. Wie kann im Schulkontext ein „geschützter Raum“ geschaffen werden, in dem sich die Kinder öffnen können?
Jana Körner: Schule ist ein Ort, der für viele Kinder stark mit Leistung und Bewertung verknüpft ist. Das ist der Ausgangspunkt, von dem wir uns bewusst abgrenzen. Bei Unbekannte Welten® gibt es keine richtigen oder falschen Antworten. Was ein Kind über sich denkt, fühlt oder erlebt, kann nicht bewertet werden und das ist für viele eine ungewohnte, aber befreiende Erfahrung. Konkret bedeutet das: Zwei externe pädagogische Fachkräfte begleiten die Gruppe, die nicht Teil des Schulalltags sind und keine Noten vergeben. Das schafft eine andere Beziehungsgrundlage. Dazu kommen klare Vereinbarungen zu Beginn, was im Raum besprochen wird, bleibt im Raum. Die Kinder entscheiden selbst, wie viel sie teilen. Niemand wird gedrängt, sich zu öffnen.
Das Arbeitsbuch trägt ebenfalls dazu bei. Es gehört den Kindern. Sie schreiben, zeichnen und gestalten für sich, nicht für die Lehrkraft, nicht für die Eltern. Dieses „Es gehört mir“ ist oft ein erster wichtiger Schritt. Viele Kinder, die anfänglich sehr zurückhaltend waren, haben über das Buch angefangen, sich auszudrücken, auf ihre Weise, in ihrer Sprache. Und schließlich: Wir arbeiten ressourcenorientiert. Der Blick geht nicht auf das, was fehlt oder problematisch ist, sondern auf das, was da ist. Was kannst du? Was trägt dich? Das ist eine Haltung, die sich durch jede Einheit zieht und die Kinder spüren das.
Mobil Krankenkasse: Als nächster Schritt sind Multiplikatorenschulungen geplant, die sich beispielsweise an Sozialarbeiter:innen und/oder Lehrkräfte richten. Was sollen die Teilnehmenden lernen, wie wird die Qualität gesichert und wie kann das dabei helfen, das Projekt kostensparend und flächendeckend an Schulen zu verbreiten?
Jana Körner: Der nächste logische Schritt ist, das Programm über unsere eigenen Kapazitäten hinaus zugänglich zu machen, ohne es aus der Hand zu geben. Das ist uns wichtig. Die Grundlage dafür ist das Arbeitsbuch, das im Oktober 2026 im Fachverlag Modernes Lernen erscheint. Damit wird Unbekannte Welten® erstmals einem breiteren Fachpublikum zugänglich. Die geplanten Multiplikatorenschulungen richten sich an Sozialarbeiter:innen, Schulsozialpädagog:innen und perspektivisch auch an interessierte Lehrkräfte, Menschen, die das Programm eigenständig an ihrer Schule oder Einrichtung durchführen möchten.
In der Schulung geht es nicht nur darum, die Methoden kennenzulernen. Es geht vor allem um Haltung. Unbekannte Welten® funktioniert nur, wenn die begleitende Person wirklich ressourcenorientiert denkt, Schweigen aushält, nicht bewertet und dem Kind vertraut, dass es weiß, was es braucht. Das lässt sich nicht aus einem Manual herauslesen, das muss erlebt und reflektiert werden. Wer zertifiziert wird, arbeitet mit einem erprobten, evaluierten Konzept und bleibt fachlich begleitet.
Die Weiterentwicklung des Programms, die Qualitätssicherung und die inhaltliche Verantwortung liegen weiterhin bei mir als Entwicklerin. Multiplikator:innen bringen das Programm in die Fläche, aber das Original bleibt das Original. Das macht das Modell auch für Schulen attraktiv, die keine externen Teams finanzieren können: Sie bekommen Zugang zu einem wissenschaftlich fundierten, prämierten Programm und das ohne Abstriche bei der Qualität.
Mobil Krankenkasse: Wenn Sie nach vorne blicken: Wo soll das Projekt „Unbekannte Welten“ in drei bis fünf Jahren stehen? Was wünschen Sie sich für die Weiterentwicklung des Projekts, damit es langfristig wachsen und noch mehr junge Menschen erreichen kann?
Jana Körner: Ich träume davon, dass Unbekannte Welten® irgendwann so selbstverständlich zum Schulalltag gehört wie andere Präventionsprogramme und dass es nicht mehr nur in Hamburg stattfindet. Konkret wünsche ich mir ein Netzwerk von ausgebildeten Multiplikator:innen, die das Programm eigenständig durchführen können und eine Evidenzbasis, die über die Pilotierung hinausgeht, mit größeren Stichproben, Kontrollgruppen und längerem Beobachtungszeitraum. Nicht als Selbstzweck, sondern weil gute Forschung hilft, das Programm weiterzuentwickeln und überzeugend zu vertreten.
Aber was mich wirklich antreibt, hat weniger mit Zahlen zu tun. Wenn ich zurückdenke, war ich selbst keine einfache Schülerin. Ich bin sitzengeblieben, hatte eine schwierige Zeit. Und dann gab es einen Chemielehrer, der nach zwei Wochen Fehlen einfach bei uns zu Hause klingelte. Er sagte meiner Mutter, er glaube, dass ich meinen Weg gehen werde. Warum er das dachte? Ich habe keine Ahnung. Aber ich erinnere mich bis heute daran, Jahrzehnte später. Solche Momente kosten nichts. Sie brauchen keine 14 Wochen. Aber sie können alles verändern. Wenn Unbekannte Welten® dazu beiträgt, dass Fachkräfte wieder mehr Augen für genau diese Momente bekommen und dass Kinder das Gefühl mitnehmen, ich kann etwas, ich bin mehr als das, was andere über mich denken, dann hat das Projekt seinen Sinn erfüllt.