Verschiedenes Gemüse steht in Schüsseln auf einem Tresen. Aktuelle Ausgabe

Was eine blutzuckerfreundliche Ernährung wirklich bringt

Müdigkeit nach dem Essen oder Heißhunger am Nachmittag? Oft hängen solche Schwankungen mit dem Blutzuckerspiegel zusammen. Ernährungswissenschaftlerin Lisa Nentwich erklärt, was hinter dem Konzept einer blutzuckerfreundlichen Ernährung steckt und welche einfachen Strategien im Alltag wirklich helfen.

Der Begriff “blutzuckerfreundliche Ernährung” taucht immer häufiger auf. Was genau bedeutet er?

Lisa Nentwich: Eine blutzuckerfreundliche Ernährungsweise zielt darauf ab, Mahlzeiten so zusammenzustellen, dass der Blutzuckerspiegel möglichst stabil bleibt.

Wenn wir essen, wird unsere Nahrung im Verdauungstrakt in ihre Bestandteile zerlegt. Kohlenhydrate werden dabei zu Zuckern gespalten. Diese gelangen ins Blut, der Blutzuckerspiegel steigt also an. Darauf reagiert der Körper mit dem Hormon Insulin, das den Zucker in die Zellen transportiert. Der Blutzuckerspiegel sinkt daraufhin wieder.

Ein Blutzuckeranstieg nach dem Essen ist vollkommen normal. Sehr schnelle und starke Anstiege können allerdings zu Blutzuckerschwankungen führen.

Eine blutzuckerfreundliche Ernährung versucht deshalb, diese Schwankungen abzumildern: Durch einen bewussten Umgang mit Kohlenhydraten, ausreichend Eiweiß und Ballaststoffen, sowie einer cleveren Kombination von Lebensmitteln.

Allgemeinmediziner Dr. Jan Philipp Albersmeier
Ernährungswissenschaftlerin Lisa Nentwich © privat

Warum ist das Thema für so viele relevant?

Lisa Nentwich: Viele Menschen spüren im Alltag die Auswirkungen von starken Blutzuckerschwankungen, ohne sie direkt damit in Verbindung zu bringen: Müdigkeit, Konzentrationsprobleme oder Heißhunger sind typische Beispiele.

Ein gleichmäßiger Blutzuckerverlauf kann helfen, sich über den Tag hinweg konstanter leistungsfähig zu fühlen. Außerdem ist der Blutzuckerspiegel auch langfristig betrachtet wichtig für die Gesundheit.

Trotzdem gilt: Der Blutzuckerspiegel ist auch nicht der „Heilige Gral“. Gesundheit hängt immer vom Gesamtbild ab – der Blutzucker ist ein wichtiger Bestandteil davon, aber nicht der einzige.

Ist der Blutzuckerspiegel nur für Menschen mit Diabetes relevant?

Lisa Nentwich: Nein. Für Menschen mit Diabetes ist der Blutzucker natürlich ein zentrales medizinisches Thema. Je nach Typ und Ausprägung sogar ein lebenswichtiges Thema.

Aber auch bei stoffwechselgesunden Menschen reagiert der Körper auf das, was wir essen. Und eine Ernährung, die starke Blutzuckerspitzen vermeidet, kann sich im Alltag positiv auswirken.

Der Unterschied liegt vor allem im Ziel. Während es bei Diabetes oft um medizinische Kontrolle und konkrete Messwerte geht, steht bei Gesunden eher das Wohlbefinden im Alltag im Vordergrund.

Was sind die wichtigsten Hebel im Alltag, um den Blutzuckerspiegel positiv zu beeinflussen?

Lisa Nentwich: Oft sind es einfache Dinge, die viel bewirken. Ganz ohne Perfektion oder strenge Regeln.

Ein zentraler Bestandteil ist der bewusste Umgang mit Kohlenhydraten. Schnell verdauliche Kohlenhydrate wie Weißmehlprodukte oder zuckerhaltige Lebensmittel lassen den Blutzuckerspiegel rasch ansteigen. Komplexe Kohlenhydrate aus Vollkornprodukten, ballaststoffreichen Lebensmitteln oder Hülsenfrüchten werden langsamer verdaut und sorgen für einen flacheren Anstieg.

Außerdem spielt die Kombination von Lebensmitteln eine große Rolle. Werden Kohlenhydrate zusammen mit Eiweiß, Ballaststoffen und (gesunden) Fetten gegessen, gelangt der Zucker langsamer ins Blut.

Auch kleine Gewohnheiten helfen: Süßes lieber nach einer Mahlzeit bzw. als Dessert genießen. Nicht zu unterschätzen sind auch regelmäßige Bewegung und möglichst wenig Stress.

Welche Ernährungsmythen oder Missverständnisse begegnen dir beim Thema Blutzucker besonders häufig?

Lisa Nentwich: Ein häufiger Mythos ist, dass Zucker oder Kohlenhydrate per se „schlecht“ seien. Dem ist keinesfalls so, das führt eher zu unnötigem Frust und Verzicht. Entscheidend ist nicht das einzelne Lebensmittel, sondern der Gesamtkontext der Ernährung.

Auch reagieren nicht alle Menschen gleich auf bestimmte Lebensmittel. Anstieg des Blutzuckerspiegels ist tatsächlich sehr individuell. Konzepte wie der glykämische Index bieten eine gute Orientierung, ersetzen aber nicht das eigene Körpergefühl.

Weit verbreitet ist aktuell auch der Haferflocken-Mythos. In den sozialen Medien werden sie häufig als Blutzuckerfalle dargestellt. Bei manchen Menschen kann das tatsächlich passieren, vor allem wenn sie „pur“ verzehrt werden. Auch hier gilt aber wieder der Gesamtkontext: Haferflocken sind ein tolles, nährstoffreiches Lebensmittel. Mit Eiweiß (z. B. Quark) und gesunden Fetten (z. B. Nüssen) kombiniert, sind sie ein wertvoller Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung.

Blutzuckerfreundliche Ernährung sollte nicht bedeuten, auf Genuss zu verzichten und alles zu optimieren, sondern eine bewusste und ausgewogene Ernährung in den eigenen Alltag zu integrieren.

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