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Familie 03/2021
Zwei kleine Jungen begrüßen sich mit den Ellenbogen Aktuelle Ausgabe

forsa-Umfrage: So leiden Kinder unter der Corona-Pandemie

Gereizter, trauriger, erschöpfter: Die Corona-Pandemie hat auch bei den Kleinsten ihre Spuren hinterlassen. Wir haben mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Julia Theeg über die Situation gesprochen und darüber, was jetzt wichtig ist.

Julia Theeg
Julia Theeg, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin

Von Kontaktbeschränkungen bis hin zum Distanzunterricht – die Corona-Pandemie hat besonders Familien mit Kindern massiv getroffen. Mit Blick auf den psychischen Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen haben die ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie Spuren hinterlassen. Das belegt auch eine repräsentative forsa-Umfrage im Auftrag der Mobil Krankenkasse unter rund 1000 Eltern von Kindern im Alter zwischen 6 und 16 Jahren. Im Interview ordnet die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Julia Theeg die Ergebnisse der Umfrage ein und gibt Tipps, wie Eltern ihre Kinder jetzt am besten unterstützen können.

Mobil Krankenkasse: Bei 51 % der 6- bis 16-Jährigen hat sich die Stimmungslage während Corona verschlechtert und 89 % geben an, dass sie unter den Kontaktbeschränkungen stark oder etwas gelitten haben. Welche Folgen kann diese soziale Isolation haben?

Julia Theeg: Die soziale Isolation kann zu vielfältigen Symptomen, wie z.B. zu anhaltender Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Angststörungen, Schlafstörungen und Sucht führen. Wenn Kinder im Elternhaus sogar Gewalt erfahren, kann eine posttraumatische Belastungsstörung die Folge sein. Aktuell erleben wir einen regelrechten Ansturm auf freie Therapieplätze, der so noch nie da gewesen ist. Laut der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung sind im Vergleich zum Vorjahreszeitraum die Patientenanfragen in diesem Bereich um 60 % angestiegen.

Mobil Krankenkasse: 38 % der Eltern geben an, dass ihr Kind gereizter als vor der Pandemie ist. Andere Kinder sind laut Umfrage trauriger, erschöpfter oder reagieren mit Schlafproblemen. Denken Sie, dass diese Symptome auch nach Corona anhalten? Was sehen Sie hier als größte Gefahr?

Julia Theeg: Ich gehe davon aus, dass mit Ende der Kontaktbeschränkungen viele Symptome wieder verschwinden. Anders ist es bei den Kindern, die vorher schon belastet waren oder die Gewalt im Elternhaus erleiden. Die größte Gefahr sehe ich darin, dass der Fokus bei Kindern eher auf Lerninhalte gelegt wird (Nachhilfeangebote etc.) anstatt auf die emotionale Entwicklung und die Bereitstellung von angemessenen Hilfen. Meine Befürchtung ist, dass die Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen, die am stärksten unter den Beschränkungen gelitten haben, übersehen werden, keine Angebote erhalten und sich die Symptome manifestieren.

Mobil Krankenkasse: Auch der Medienkonsum der Kinder scheint stark zugenommen zu haben. So gaben 34 % der 6- bis 10-Jährigen und sogar 65 % der 11- bis 16-Jährigen an, auch außerhalb des Unterrichts deutlich mehr am Handy oder am Computer zu sein. Ist diese Entwicklung bedenklich?

Julia Theeg: Ein erhöhter Medienkonsum ist während der Kontaktbeschränkungen normal. Kinder und Jugendliche nutzen Medien, um mit ihren Freunden in Kontakt zu sein. Wenn Jugendliche nicht mehr „davon lassen können“, aggressiv werden oder sogar Schlafstörungen entwickeln, ist dies jedoch ein Warnsignal. Gerade kleine Kinder drücken ihren „Kummer“ häufig über Bauchschmerzen aus. Auch Kopfschmerzen, Übelkeit, Rückenschmerzen sind ärztlich abzuklären. Eine psychische Mitbeteiligung, häufig im Zusammenhang mit Angst und Traurigkeit, sollte bedacht werden.

Wichtig ist, dass Eltern mit ihren Kindern ins Gespräch gehen, verstehen wollen, was beispielsweise hinter einem erhöhten Medienkonsum für ein Bedürfnis steht. Wichtig dabei ist, Fragen zu stellen, ohne zu bewerten. „Ach, das ist doch nicht so schlimm“ ist wenig hilfreich. Besser wäre: „Was kann dir helfen?“, „Was kann ich tun?“, „Was macht dich traurig, wütend?“ Gemeinsam kann mithilfe von Beratungsstellen oder Psychotherapeuten nach Auslösern und Behandlungsmöglichkeiten gesucht werden.

Mobil Krankenkasse: Laut Umfrage haben die meisten Kinder mit Freude (61 %) und Erleichterung (48 %) auf die Rückkehr in den Wechselunterricht reagiert. Allerdings haben 17 % auch Sorgen, 10 % Angst vor einer Ansteckung geäußert sowie 8 % mit körperlichen Symptomen wie Bauch- oder Kopfschmerzen und 6 % mit Verweigerung reagiert. Haben Sie hier auch noch einen Tipp für die Eltern?

Julia Theeg: Als Psychotherapeutin für Kinder empfehle ich Eltern, den Frust und Kummer ihrer Kinder zu begleiten und auszuhalten. Das kann auch bedeuten, gemeinsam darüber zu weinen, die Freunde nicht mehr zu sehen. Kinder brauchen vor allem Eltern, die echt sind. Sie müssen nicht alles richtig machen. Dazu brauchen Eltern Kraft und Kapazitäten. Aber auch wenn Eltern diese mal nicht haben, wenn sie es mal nicht schaffen, die Gefühle ihrer Kinder zu begleiten: Kinder können Gefühle ihrer Eltern aushalten, wenn Eltern mit ihnen im Gespräch bleiben. Es geht nicht darum, die Kinder dauerhaft zu „bespaßen“. Das schafft kaum jemand. Viel wichtiger ist es, die Gefühle der Kinder zu begleiten.

„Was brauchen die Kinder, um den Übergang in die Schule bzw. den Kindergarten gut zu bewältigen?“, „Gibt es ein schönes, neues Ritual?“, „Braucht es eventuell nochmal eine kurze Eingewöhnung?“ Dabei ist es wichtig, den Kindern zuzutrauen, dass sie den Wiedereinstieg gut schaffen werden, und dennoch mit ihnen über ihre Ängste, Kummer und Sorgen zu sprechen. Eltern können nicht alle Sorgen aus der Welt schaffen, aber sie ernst zu nehmen und dennoch die Kinder zu motivieren – „Das schaffst du. Was brauchst du dazu?“ – ist eine wichtige Grundhaltung.

Mobil Krankenkasse: Es gab auch erfreuliche Ergebnisse. So stellte jeweils rund ein Viertel der Befragten fest, dass die Familie die neu gewonnene Zeit miteinander genießt, mehr miteinander unternimmt bzw. zusammen Neues entdeckt.

Julia Theeg: Das entspricht auch meiner Praxiserfahrung. Bei vielen Familien wird die neu gewonnene Zeit als positiv erlebt. Viele Eltern berichten, dass sie ihre Kinder viel intensiver erleben und es genießen, z.B. im Homeoffice nicht mehr so lange Fahrtwege zu haben, und diese Zeit für gemeinsame Unternehmungen nutzen.

Mobil Krankenkasse: Allerdings gaben Eltern, die sich selbst durch die Corona-Situation stark belastet fühlen, vergleichsweise häufiger an, dass sich die Stimmung des Kindes verschlechtert hat.

Julia Theeg: Die Corona-Krise verstärkt bereits vorhandene Belastungen bei Kindern und Jugendlichen. Vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Verhältnissen leiden, weil ihre Eltern über weniger Ressourcen verfügen. Vereinfacht kann man auch sagen: Je kleiner der Wohnraum ist, je weniger Geld zur Verfügung steht, je geringer die psychische Stabilität der Eltern ist, desto höher ist das Risiko, dass Eltern gewalttätig werden gegenüber ihren Kindern, und demnach erhöht sich die Wahrscheinlichkeit der Kinder und Jugendlichen, psychisch zu erkranken. Waren Kinder und Jugendliche schon vor der Pandemie belastet, so steigt in diesen Familien das Risiko für Konflikte bis hin zu körperlicher und emotionaler Gewalt und Vernachlässigung.

Mobil Krankenkasse: Müsste dann nicht ein besonderes Augenmerk auf Kinder aus „Risikofamilien“ gelegt werden, um diese psychisch zu stärken?

Julia Theeg: Es ist wichtig, langfristige Strategien zu verfolgen, die die Kinder und Jugendlichen in und nach der Krise auffangen und präventiv wirken. Dazu gehören finanzielle Soforthilfen für Jugendämter, Beratungsstellen und Jugendhilfemaßnahmen, um den Kinderschutz in den Familien sicherzustellen und psychisch massiv belasteten Familien Ansprechpartner sowie Hilfemaßnahmen an die Seite zu stellen. Das ist unsere einzige Chance, damit sich die Sorgen und Belastungen der Kinder und Jugendlichen nicht zu einer dauerhaften psychischen Erkrankung manifestieren. Dafür benötigt es mitunter schnelle Hilfe und Abklärung von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten.

Das Thema psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen nicht als oberste Priorität zu behandeln, ist zu kurz gedacht und trifft gerade die Kinder aus benachteiligten Verhältnissen.

Infografik_SoLeidenKinder
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