Laura Zimmermann ist nicht nur eine erfolgreiche deutsche Profi-Triathletin, sondern auch studierte Zahnmedizinerin – also eine echte Expertin, wenn es um die Bedeutung von gesunden Zähnen und die wichtige Rolle des Kiefers für Sportler geht. Im Interview sprechen wir mit Laura über die kleineren und größeren Probleme, die entstehen können, wenn man sich nicht ausreichend mit diesem Thema befasst.

Die Zusammenhänge im menschlichen Körper sind viel komplexer als die meisten Menschen vermuten würden. Bereits in der traditionellen chinesischen Medizin wusste man über die Auswirkungen der Zahngesundheit auf andere Organe Bescheid. Diese Erkenntnis wurde von der Sportmedizin bereits wissenschaftlich bestätigt. Die moderne ganzheitliche Sportzahnmedizin setzt genau dort an. Erkrankungen im Oralbereich können die Leistungsfähigkeit stark beeinflussen. Vor allem Entzündungen wie Parodontitis, aber auch Karies oder nicht durchgebrochene Weisheitszähne tragen zur entzündlichen Belastung des Körpers, schlechteren Regeneration und wiederkehrenden muskulären Problemen bei. Eine Entzündung des Zahnhalteapparates ist nicht immer von außen erkennbar. Die Bakterien werden aber über die Blutbahn und die Atemwege in den ganzen Körper transportiert. Das Immunsystem reagiert auf diese Belastung und versucht die Entzündung zu beseitigen oder zu unterdrücken und wird dadurch konstant beansprucht. Das führt selbstverständlich zum Leistungsabfall.

Gerade Triathleten sind durch die Einnahme von Energy-Drinks, Sportgetränken und ähnlichem sehr anfällig, was die Zahngesundheit betrifft. 

Die Auswirkung dieser Getränke beruht weniger auf deren Inhalten. Viel gravierender ist, dass sie über einen längeren Zeitraum die Zähne umspülen. Mit ihrem pH-Wert von 2-4 säuern sie den Zahn an, machen ihn porös. Einerseits kann es zu Karies führen, anderseits werden die porös gewordenen Zähne mehr oder weniger leicht weggeschmirgelt. Im schlimmsten Fall liegt dann das Dentin, das ist die Schicht unter dem Zahnschmelz, offen  eine Art Wunde. Die Einnahme von Kohlenhydraten im Wettkampf tut dann sogar regelrecht weh. Mitunter kann der Sportler seine Leistung dann gar nicht mehr abrufen. Daher ist ein Pre-Season-Check für viele Profis mittlerweile eine Selbstverständlichkeit geworden. Zahnschmerzen kurz vor dem Wettkampf, womöglich noch im Ausland und am Wochenende bedeuten für den Sportler immer einen Supergau.    

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Zahnärztin und Profi-Triathletin Laura Zimmermann © Marcel Hilger

Ein anderer Aspekt, der die Leistungsfähigkeit beeinflusst, ist die CMD (Craniomandibuläre Dysfunktion), der sogenannte „Falsche Biss“. Diese Kiefer- oder Gebissfehlstellung erzeugt aus neurologischer Sicht einen signifikanten Stresszustand des Körpers mit erhöhter Kortisol-Ausschüttung. Da alle Körperteile durch Faszien miteinander verbunden sind, gibt es die ab- und aufsteigenden Ketten: Kiefer – Nacken – Schulter – Wirbelsäule – Becken – Knie – Fersen. Eine falsche Relation des Unterkiefers zum Oberkiefer kann zu einer Fehlstellung der Kopfgelenke führen. Das wiederum kann zu Verspannung der Nackenmuskulatur und Blockaden in der Halswirbelsäule und im Schulterbereich führen. Wenn die Spannung sehr groß ist, kann sie zu Fehlstellungen der Wirbelsäule und des Beckens oder, zum Beispiel, zur Entzündung der Wadenmuskulatur oder der Achillessehne führen oder deren Heilung verhindern. Eine fehlerhafte Statik hat auch grundsätzlich großen Einfluss auf die Verletzungsanfälligkeit der Muskulatur. Studien haben ergeben, dass eine Fehlhaltung der Wirbelsäule oder ein Beckenschiefstand durch eine Bissveränderung korrigiert werden können. Dadurch sinkt auch die Verletzungsanfälligkeit signifikant.

Genau dafür wurde die sogenannte Performance-Schiene entwickelt. Sie wird nach genauer Vermessung individuell so angefertigt, dass sie die Kiefer in die richtige Position bringt. Der Biss wird korrigiert, dadurch wird die Spannung rausgenommen und die Muskulatur entlastet. Gleichzeitig erhöht sich die Atemkapazität. Beides führt zu einer wesentlichen Verbesserung der Leistungsfähigkeit. Nachgewiesenermaßen wird dann auch weniger Laktat produziert.

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© Marcel Hilger

Die Symptome der Erkrankung im Mundbereich können tatsächlich sehr vielfältig und zum Teil unerwartet sein. Das Spektrum reicht von Fehlhaltungen, Beeinträchtigungen der Körperstatik bis hin zu chronischen Entzündungen, etwa der Achillessehne. Die Alarmglocken sollten bei einem Sportler auf jeden Fall bei langen Durststrecken ohne sichtbare Verbesserung, Anfälligkeit auf orthopädische Probleme, Häufung von Verletzungen (typischerweise immer auf der gleichen Körperseite) schrillen. Hier wäre es allerdings unbedingt wichtig zu einem Zahnarzt zu gehen, der über diese Zusammenhänge Bescheid weiß – also ein ausgebildeter Sportzahnmediziner. 

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© Marcel Hilger

Hier müsste eine gründliche Erstuntersuchung erfolgen, um der Ursache für das Problem auf den Grund gehen zu können. Diese Untersuchung beinhaltet eine ausführliche Anamnese, Kontrolle des Zahnstatus (u.a. Röntgen), sowie Check-Up der Kiefergelenke und Kaumuskulatur (Funktionsdiagnostik). Je nach Individuum und Diagnose, kann dann das weitere Vorgehen geplant werden. Sollten die ,,sportlichen Probleme“ demnach aufgrund des Zahnhalteapparats aufgetreten sein, können alle nötigen weiteren Schritte eingeleitet werden.

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© Dentamedic

Wenn ein Patient mit Problemen zu einem Sportzahnarzt kommt, erfolgt zunächst eine ostheopatische und physiotherapeutische Voruntersuchung beziehungsweise mehrere Vorbehandlungen. Des Weiteren wird ein Parodontal-Screening, das ist die Kontrolle des Zahnfleischs, und eine mikrobielle Speicheluntersuchung durchgeführt. Eine Kiefergelenkvermessung und die Bestimmung der Natural-Head-Position, um Dysbalancen und Blockaden zu diagnostizieren sind die nächsten Schritte. Wenn indiziert, kann auch eine 3D-Röntgenaufnahme erfolgen, um beispielsweise Wurzelkanalfüllungen, Zahnfüllungen, Kronen oder ähnliches exakt auf ihre Suffizienz (Dichtheit) zu prüfen. Mit Hilfe von individuell hergestellten Performance- und Relaxing-Schienen kann dann letztendlich die Leistungsfähigkeit gesteigert werden. 

Grundsätzlich würde ich empfehlen, zweimal im Jahr einen Kontrolltermin beim Zahnarzt wahrzunehmen. Die investierte Zeit zahlt sich aus, wenn man dadurch mit Sicherheit ohne Zahnschmerzen bei den geplanten Wettkämpfen an den Start gehen kann.

Sinnvoll ist ein Pre-Season-Check in der Vorsaison und ein zweiter Termin einige Wochen vor beispielsweise dem Hauptwettkampf.

Eine regelmäßige professionelle Zahnreinigung sollte dabei nicht fehlen. Die Ernährung spielt natürlich auch eine bedeutende Rolle. Beim Radfahren würde ich, wenn möglich, versuchen Sportgetränke zu meiden. Wenn dies aufgrund der hohen Intensität beispielsweise nicht möglich ist, am besten eine zweite Flasche Wasser mitnehmen, und jedes Mal nach Zufuhr des Sportgetränks gut nachspülen! Bei Einheiten mit niedriger Intensität vorzugsweise nur Wasser mitführen, oder ein Gel oder Riegel essen und danach gut mit Wasser nachspülen. Anders als die Ernährungswissenschaftler, raten wir Zahnärzte außerdem bei Verzehr von Süßigkeiten lieber eine Tafel Schokolade oder Packung Gummibärchen auf einmal zu essen, als beispielsweise über den Tag verteilt. Dadurch kommt es nur einmalig zum pH-Abfall in der Mundhöhle, wodurch der Zahnschmelz dementsprechend weniger oft Säure ausgesetzt ist.

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Autor: Mobil Krankenkasse