Rückblick

In unserem Online-Seminar "Feinfühligkeit und Bindung im Kindergartenalter" gab die Dipl. Psychologin Dr. Berkic (Autorin des Buches "Bindung - eine sichere Basis fürs Leben", 2018 im Kösel-Verlag erschienen) Einblicke in die Entwicklung, Bedürfnisse und Verhaltensweisen von Kindern. Ziel war es, Eltern dabei zu unterstützen, die Signale ihres Kindes zu erkennen, zu interpretieren und angemessen darauf zu reagieren. Dazu konnten die Teilnehmenden am Ende Ihre Fragen stellen und so individuelle Antworten erhalten.  

Im Folgenden finden Sie eine Broschüre mit wichtigen Infos zum Thema "Feinfühligkeit von Eltern und Erzieher*innen", einen Mitschnitt der Veranstaltung inkl. Q&A am Ende sowie Fragen und Antworten, die aus Zeitgründen nicht mehr gestellt werden konnten. 

Viel Spaß beim Nachschauen und Nachlesen!

Frau Dr. Julia Berkic
© Dr. Julia Berkic

Veranstaltung vom 09.11.2021 mit Frau Dr. Julia Berkic

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Weitere Fragen

Das ist tatsächlich in jeder einzelnen Situation neu zu bewerten. Wenn das Kind z. B. nach einem langen Tag in einer Kita oder nach einer langen Arbeitswoche Ihre Zeit und Aufmerksamkeit möchte, dann ist das ein Grundbedürfnis nach Verbundenheit.

Wenn das Kind immerzu und in jeder Situation Aufmerksamkeit möchte, dann ist es ein Wunsch (sich nicht alleine beschäftigen zu müssen) und das kann geübt werden, dass das Kind auch Ideen bekommt (je nach Alter mit mehr oder weniger Anleitung), was es auch ohne Ihre Aufmerksamkeit tun könnte. Es dauert immer eine Zeit, bis neue Verhaltensmuster eingeübt sind!

Schamgefühle entstehen häufig, wenn Kinder das Gefühl haben, ihre Persönlichkeit kontrollieren zu müssen. Je jünger ein Kind ist, desto anfälliger ist es für die Entwicklung solcher Schamgefühle. Was Sie tun können, um nicht unbeabsichtigt Schamgefühle beim Kind auszulösen

  • Bewerten Sie das Verhalten des Kindes nicht vorschnell, sondern geben Sie dem Kind Raum für eigene Erfahrungen.
  • Vermeiden Sie das Kind vor anderen bloß-zustellen. Auch wenn die Kritik in scherzhafter Form verpackt ist, kann sie schmerzhaft sein.
  • Halten Sie sich mit Kritik dem Kind gegen-über zurück.
  • Trauen Sie dem Kind mehr zu, lassen Sie es eigene Lösungswege finden.

Auch hier ist es eine Abwägung zwischen „Autonomie gewähren“ (d.h. das Kind auch Freundschaften ausprobieren und selbst wählen lassen) und beschützen (wenn man tatsächlich dauerhaft feststellt, dass der Kontakt nicht gut tut/ schädlich ist. Es ist ratsam wirklich die Perspektive des Kindes einzunehmen und aus seiner Sicht zu entscheiden, was angebracht wäre (im Laufe des Lebens werden Kinder oft auch Bekanntschaften machen, bei denen sie selbst herausfinden müssen ob sie gut tun oder nicht, dabei kann man das Kind im Kindergartenalter noch gut begleiten).

Wenn es sowohl Ihrer Tochter gut dabei geht und Ihr eigener Leidensdruck nicht zu hoch ist, dann führen Sie das unbegrenzt weiter, es ist ein Geschenk für ein Kind. Wenn Sie merken, dass es Sie zu sehr belastet, dann können Sie anfangen, stufenweise das Kind mehr in die Selbstregulation zu führen, also z. B. nur am Anfang dazulegen oder im eigenen Bett einschlafen und nachts darf das Kind dann ins Elternbett wechseln.

Bis zu welchem Alter ist es empfehlenswert, Kinder bei ihren Eltern im Elternbett schlafen zu lassen? Es gibt kein richtig oder falsch, wenn im Elternbett alle glücklich sind, gibt es da keine Begrenzung.

Wenn das Kind wohlauf ist, sind Sie die „sichere Basis“, von der aus es die Welt erkundet. Wenn es sich unwohl fühlt, werden Sie zu seinem „sicheren Hafen“, in den es Jeder-Zeit einlaufen kann. Sie als Bezugsperson können es trösten, auffangen und für es da sein. Wenn systematisch einer der beiden Funktionen nicht erfüllt wird (sicherer Hafen/sichere Basis), dann kann das zu unsicherer Bildungsorganisation führen – damit ist aber keinesfalls gemeint, dass man ab und zu daneben liegt oder ein Signal nicht beantworten kann.

Hinter „unangepasstem“ Verhalten und „schlechtem“ Benehmen verbirgt sich oft der Wunsch nach Sicherheit und einer emotionalen Verbundenheit. Wird dies in solchen Momenten nicht durch die Bindungsperson angeboten, prägt es eine unsichere Bindungserfahrung.

Wenn man immer den Papa anbietet, wenn das Kind zur Mutter will, dann ist es eine Zurückweisung. Wenn man ab und zu den Papa anbietet, dann ist das eine gesunde Abwechselung und gibt Papa und Kind die Chance, eine eigene Bindungsbeziehung aufzubauen – am besten funktioniert das übrigens, wenn DANN die Mama nicht da ist und das ganze regelmäßig etabliert wird (z. B. immer Samstag mit dem Papa auf den Spielplatz). Das trainiert nebenbei auch das Loslassen der Mama.

Die Persönlichkeit des Kindes sollte respektiert werden. Es wäre also ein Fehler, ein Kind, das sich gerne draußen bewegt, ständig an den Basteltisch zwingen zu wollen, einem Kind, das sich in der Gesellschaft von andern Kindern am wohlsten fühlt, vorzuhalten, dass es sich nie alleine beschäftigen kann, oder ein schüchternes Kind, das in neuen Situationen zunächst gerne im Hintergrund ist, ständig zu ermutigen, sich doch aktiv zu beteiligen oder in solchen Situationen zur Konfrontation zu pushen. Besser: Im Nachhinein mit dem Kind über die Situation reden. Vielleicht empfand es die Situation gar nicht als so schlimm? Ansonsten die möglichen zukünftigen Reaktionenbesprechen und selbstbewusstes Agieren im Alltag vorleben.

Eine Trennung fünfmal im Jahr für je fünf Tage stellt auf keinen Fall eine Bedrohung für eine ansonsten sichere und kontinuierliche Bindungsbeziehung dar, das können Sie auf jeden Fall machen. Eine andere Bindungsperson sollte die Woche über für das Kind da sein und die Trennungen sollten gut vorbereitet und nachbereitet werden (also Gespräche vorher und Kuscheln nachher).

Es geht nicht darum, die kindlichen Bedürfnisse immer perfekt zu befriedigen oder befriedigt zu haben, sondern darum, eine wohlwollende, empathische Grundhaltung gegenüber Kindern und ihren Bedürfnissen zu entwickeln. Das „später nachzuholen“ kann zunächst schwierig und anstrengend sein, der Aufwand lohnt sich jedoch. Mit der Zeit können so neue Beziehungsmuster zwischen Ihnen und dem Kind entstehen, wodurch sich die Beziehung zum Kind verbessert und für beide Seiten entspannter und befriedigender wird. Es ist niemals zu spät!

Sie können das Kind in solchen Momenten nur durch die negativen Gefühle begleiten und ihm versichern, dass es sich lohnt, dran zu bleiben. Und dass das Gefühl Neid ok ist, dass jeder etwas anderes besser kann und dass es keinen Grund zum Verzweifeln gibt. Vielleicht auch von etwas erzählen, was man selbst viel Üben musste, um es zu können.

Entscheidend ist in dem Moment für das Kind da sein, Traurigkeit und Frust zu ertragen, das kann anstrengend sein, lohnt sich aber fürs Leben.

Versuchen Sie gemeinsam mit dem Kind herauszufinden, was es im Kindergarten schlimm findet. Vielleicht kann man tatsächlich einige Dinge ändern oder zumindest ernst nehmen.

Ansonsten ist es wie eine erneute Eingewöhnung: Das Kind morgens emotional beim Ankommen im Kindergarten begleiten und vielleicht ein Abschiedsritual etablieren, z. B.: Sich ein paar Minuten mehr Zeit nehmen und dem Kind helfen, die Hausschuhe anzuziehen, das Kind zur Garderobentür bringen und dort fest drücken, dann evtl. von der Fachkraft „die Zeit stoppen lassen“, wie lange das Kind zum Zurücksausen braucht (wenn die FK so etwas mitmacht). So wird das Lösen einfacher, das Kind kann sich sicher sein, dass das Elternteil nach dem Kindergarten wieder als Bindungsperson zur Verfügung steht.

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Aktualisiert am

Autor: Mobil Krankenkasse